Bildung für Bürgerkinder

Lessing-Gymnasium und Goethe-Gymnasium haben ihren Ursprung in der städtischen Lateinschule. Vor 500 Jahren wurde sie gegründet.

Von Matthias Trautsch
F.A.Z., 16.01.2020, Frankfurt (Rhein-Main-Zeitung) 
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Heute spräche man von einer Stellenausschreibung. Ende 1519 beschloss der Rat der Stadt Frankfurt, einen “redlichen, gelehrten und von mores geschickten Gesellen” zu suchen, “der die jungen Kinder in der Lehre anhalte”. Als Gründungsrektor solle er die geplante Lateinschule aufbauen, zur Finanzierung der Stelle war der Rat bereit, einen bewaffneten Reiter einzusparen. Bis dahin hatte es in Frankfurt lediglich Stiftsschulen für die geistliche Ausbildung gegeben.

Die Patrizier hatten auf die Einrichtung einer öffentlichen Schule für die Kinder des aufkommenden Bürgertums gedrängt. Ein Dreivierteljahr später war die Idealbesetzung für den Rektorenposten gefunden: der Humanist Wilhelm Nesen, im Hintertaunus geboren, ein Schüler des Erasmus von Rotterdam. Der 11. Oktober 1520, an dem der Rat Nesens Bestallungsurkunde ausfertigte, gilt als Gründungstag der Lateinschule, des späteren Gymnasiums Francofurtanum. Die Schulgründung vor 500 Jahren hatte maßgeblichen Einfluss auf die weitere geistige und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt – und das Gymnasium Francofurtanum lebt bis heute fort: im Lessing-Gymnasium und im Goethe-Gymnasium. Die beiden Schulen haben sich für das Jubiläumsjahr ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm vorgenommen. Am Goethe-Gymnasium fand in dieser Woche bereits ein schulinterner Auftakt statt, das Lessing-Gymnasium plant für den 22. Januar, den Geburtstag des Namenspatrons Gotthold Ephraim Lessing, eine erste Feier.

In den folgenden Monaten stehen unter anderem Konzerte, Ehemaligentreffen und Vorträge auf dem Programm. Höhepunkte sind kurz vor den Sommerferien eine Festveranstaltung des Lessing-Gymnasiums in der Alten Oper und ein Schulfest des Goethe-Gymnasiums sowie Mitte September ein gemeinsamer Festakt beider Gymnasien im Kaisersaal des Römer.

Dabei werden die traditionsbewussten Schulen auch tiefe Blicke in die Geschichte werfen. Im März soll die Festschrift “Nachforschung der Wahrheit – Von der alten Lateinschule zum Lessing-Gymnasium” erscheinen, Ende August wollen die Schulen bei einem gemeinsamen Stadtgang die früheren Standorte der Lateinschule und beider Gymnasien aufsuchen. Die erste Station wird die Ecke von Buchgasse und Bethmannstraße sein, also dort, wo heute der Rathausturm Langer Franz in die Höhe ragt. Das “Haus zum Goldstein”, das sich im ausgehenden Mittelalter an dieser Stelle befand, war das erste Domizil der neugegründeten Lateinschule, in der Nesen als Rektor wirkte und – beeinflusst von Martin Luther und Philipp Melanchthon – die Bildungsstätte im Geist der Reformation prägte. Bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs waren lediglich lutherische Schüler und Lehrer zugelassen.

Eine reine Erfolgsgeschichte war das Gymnasium nicht: Über die Jahrhunderte gab es schwere Auseinandersetzungen zwischen Schulleitung und Rat, ein großer Teil der Schülerschaft starb 1635 an der Pest, um das pädagogische Niveau und den Ruf war es zeitweise schlecht bestellt. Dafür, dass die Schülerzahl begrenzt blieb, war auch die Zurückhaltung der Patrizier verantwortlich. Sie ließen ihre Kinder lieber von Privatlehrern unterrichten oder schickten sie auf renommiertere auswärtige Schulen. Goethes Vater ließ seinen Sohn zwar von Philologen des Gymnasiums in den alten Sprachen unterweisen, bestellte die Lehrer aber lieber nach Hause an den Großen Hirschgraben.

Zu einem starken Anstieg der Schülerzahlen kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Weil auch das zwischenzeitlich bezogene Gebäude an der Junghofstraße zu klein wurde und selbst die Gründung des heutigen Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums keine Erleichterung brachte, entschloss man sich zur Gründung der beiden Nachfolgeschulen: des reformorientierten Goethe-Gymnasiums, das einen Neubau an der damaligen Bahnstraße und heutigen Friedrich-Ebert-Anlage bezog, und des Lessing-Gymnasiums, das erst an der Junghofstraße blieb, dann an die Hansaallee ins Westend zog und dort die humanistische Tradition bis heute fortführt.