Zwei Gewinner im Aufsatzwettbewerb

Japan im Klassenzimmer

Der jährlich im Rahmen des Programms „Japan im Klassenzimmer“ ausgerichtete Aufsatzwettbewerb hatte dieses
Jahr das Thema „In fünf Jahren wird ein japanischer Journalist mich über meine bisherigen Aktivitäten in Japan interviewen“.
Bei einem Gastvortrag des Japanischen Generalkonsulats am 30. April im Goethe-Gymnasium war dieser Wettbewerb vorgestellt worden, und einige Japanischschüler stellten sich der Herausforderung, einen deutschen Text zu diesem Thema zu verfassen.

Am Ende kamen zwei Goethe-Schüler unter die besten Zehn: Fabio Wiegmann (10. Klasse) und Hazuki Lohmann (E-Phase).
Sie wurden am 26. Mai zur Siegerehrung in die Residenz des Herrn Generalkonsuls Ito eingeladen. Dort stellten die zehn Gewinner sich mit einer kurzen Rede vor, erhielten eine Urkunde und von Sponsoren gestiftete Preise. Anschließend wurde den Gästen ein köstliches japanisches Abendessen serviert.

 

Hazukis Siegeraufsatz lautet wie folgt:
Aufsatzwettbewerb: Ein Interview in fünf Jahren

Ich sitze allein auf einer Parkbank in der Nähe des Unihauptgebäudes, drehe mein stumpfes, abgenutztes
Mono-Radiergummi aus Japan zwischen den Fingern und halte nach einem geeigneten Modell für meine
Schnellskizzen Ausschau, als meine Augen auf einem fremden, asiatischen Mann kleben bleiben, der
aus einiger Entfernung in meine Richtung sieht. Als sich unsere Blicke für einen Sekundenbruchteil
treffen, entgeht mir nicht der professionelle, sehr fragende Ausdruck im Gesicht des Herrn. Ohne zu
zögern beginnt er auf mich zuzusteuern und ich bemerke das blaue Mikrofon in seiner rechten Hand
erst, als er fast vor mir steht. Ich begreife. Der Journalist nimmt unaufgefordert neben mir Platz. Was
möchte er mich wohl fragen? Warum ich mich heute, an meinem 22. Geburtstag in den Sommerferien,
nicht schon längst im kompletten Vorbereitungswahn für die steigende Party am Abend befinde? Wohl
kaum. Vielleicht hat mein äußeres Erscheinungsbild, der Mix aus japanischen und deutschen Genen in
meinem Gesicht sein Interesse geweckt?

„Wo kommen Sie her?“, eine Frage, die ich nicht nur in Deutschland oft zu hören bekomme. Mit meiner
längst eingespielten Antwort auf diese vorhersehbare Frage erwähne ich nicht bloß meine beiden
Heimatländer, sondern auch mein überwiegendes Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland. „Wie stehen
Sie denn dann zu ihrer zweiten Heimat im Osten, dem Land der aufgehenden Sonne?“, erkundigt sich
der Herr nun deutlich interessierter, „Was genau verbindet Sie mit Japan?“. Nach kurzem Überlegen
fange ich zu berichten an:

„Als Kind war es total aufregend in ein Land zu kommen, dass so fortschrittlich, fast schon futuristisch
ist und sich in so vielen Dingen von dem gewohnten Deutschland unterscheidet. Das erste Mal habe ich
Japan im Alter von sieben Jahren erlebt. Die dreiwöchige Sommerreise im Jahr 2016 ist mir bis heute
eine der schönsten Urlaubserinnerungen geblieben. Wo ich vorher nur mit Zeichentrickfilmen von
Studio Ghibli und japanischen Serien vertraut war, haben erste wirkliche Eindrücke wie das leckere
Essen, das ungewohnt schwüle Klima, das Abkühlen im Tamagawa-Fluss, die klimatisierten
Convenience-Stores an jeder Straßenecke, der Besuch meiner Familie in Tokio und Ibaraki, die Roboter
am Hotelempfang und mein Geburtstag im Tokyo Disneyland mein Bild von Japan erheblich geprägt.
Sechs Jahre musste ich abwarten, um Japan wiederzusehen. Im Jugendalter war ich dann vor allem von
der Kultur begeistert und Festen wie Hanabitaikai (das Feuerwerksfest) oder Natsumatsuri (das
Sommerfest), bei denen man traditionell einen Yukata trägt. Bei Ausflügen in die japanischen Berge
nach Nagano oder Kamikouchi und der Reise nach Okinawa habe ich außerdem gemerkt, wie vielfältig
die japanische Natur eigentlich ist. Meeresschildkröten, die ich beim Schnorcheln in der Nähe der
Tokashiki-Insel gesehen habe und Affen, denen man beim Klettern zuschauen konnte, haben mir die
Nähe Japans zu seiner Natur gezeigt. Ich dachte mir damals schon: In Japan kann man es aushalten.
Doch gab es ein größeres Problem, und zwar meine Sprachbarriere. Da ich nie zur Hoshuukou (externe
Japanischnachhilfe) gegangen bin, fiel mir gerade das Lesen und Schreiben unheimlich schwer. Um
endlich besser zu werden, habe ich in Deutschland an Sprachkursen teilgenommen, um mich auf JLPT
Prüfungen vorzubereiten, bin auf eine Schule mit Japanischangebot gewechselt und habe einen kurzen
Auslandsaufenthalt in Nagano gemacht, wo ich zahlreiche japanische Freunde gefunden habe. Ich
möchte sehr gerne bald wieder nach Japan reisen. Vielleicht werde ich ja auch irgendwann dort
wohnhaft.“

„Vielen Dank.“ Das war das Einzige, was der Journalist nach einer längeren Pause noch sagte, bevor er
aufstand und verschwand. Ich legte mich quer auf die Bank und träumte von Japan.